Innovatives Lehrprojekt: Religiöses Lernen im Web 2.0

Die Digitalisierung der Hochschuldidaktik ist derzeit in aller Munde. Begriffe wie Open Educational Ressources, Blended Learning oder Digital Badging versprechen, auf das ‚Technologiedefizit der Pädagogik‘ eine digitale Antwort zu geben. So sinnvoll dieses Anliegen auch ist, es beschränkt sich zunächst auf die Frage, wie ein zeitgemäßes Lernen mit digitalen Medien hochschuldidaktisch umgesetzt werden kann.

Das hier vorgestellte Masterseminar ‚Religiöses Lernen im Web 2.0‘ hat sich den digitalen Medien aus einer anderen Perspektive genähert. Auf dem Wege Forschenden Lernens haben Studierende die ‚neuen‘ Medien selbst zum Gegenstand von empirischen Untersuchungen gemacht. In kleinen Arbeitsgruppen untersuchten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Plattformen des Web 2.0 und stellten sich dabei zwei Fragen: Inwiefern wird das Web 2.0 als Raum religiöser Artikulation und Kommunikation genutzt? Und, welche Herausforderungen und Chancen ergeben sich dadurch für digitale religiöse Lernprozesse?

Angesichts der Vielzahl religiöser Angebote im Internet und einer zunehmenden Präsenz von Religion in der digitalen Öffentlichkeit ist heute von einer ‚religiösen Mediensozialisation‘ (Manfred L. Pirner) insbesondere Jugendlicher auszugehen. Erfahrungen mit Religion(en) sammeln Menschen heute nicht mehr nur noch im Umgang mit ihrem sozialen, sondern vor allem auch ihrem digitalen Umfeld. Das Web 2.0 hat sich infolgedessen zu einem aktuellen Forschungsfeld der Religionspädagogik entwickelt. Galt das Interesse daran zunächst Fragen der Medienethik und -kompetenz, rücken in jüngster Zeit auch bildungstheoretische und didaktische Belange in den Fokus.

Religionspädagogische Studien zur individuellen Medienrezeption beschränken sich bisher auf User-Befragungen. Im hier vorgestellten Seminar hingegen erlernten und nutzten die Studierenden drei empirische Methoden, die es erlaubten, tatsächliche Interaktionen im Web 2.0 zum Gegenstand der Analyse zu machen.

Um die Studierenden schrittweise an das wissenschaftliche Arbeiten heranzuführen, wurden für das Seminar drei Bausteine entwickelt, die vom Wissenserwerb bis zur Handlungsebene reichen. Dabei planten und durchliefen die Studierenden selbstständig einen gesamten Forschungsprozess. Sie wurden dazu motiviert, eigene Fragestellungen zu entwickeln und Hypothesen zu formulieren, sie wählten eine geeignete Methode und gestalteten ihr eigenes Forschungsprojekt bis hin zur Prüfung und Darstellung der erarbeiteten Ergebnisse.

Thematische Hinführung: Am Beginn des Seminars stand für die Studierenden eine grundlegende Einarbeitung in die Thematik. In der ersten Sitzung wurden neben organisatorischen Fragen die Grundbegriffe des Seminars geklärt sowie eigene Perspektiven auf die Verhältnisbestimmung von Religion und Web 2.0 diskutiert. Der zweite Seminartermin lenkte den Blick über den religionspädagogischen Tellerrand hinaus: Wie wird in kommunikations-, religions- und politikwissenschaftlichen Kontexten zur Religion im Web 2.0 geforscht? Die Studierenden diskutierten hier die unterschiedlichen Zugänge und Ergebnisse einzelner Studien und setzten sich kritisch mit den eigenen Intuitionen aus der ersten Sitzung auseinander. Anschließend an die Diskussion des Konzepts der medienweltorientierten Religionsdidaktik wurde in der dritten Sitzung der Weg bereitet, eigene Ideen für ein religionspädagogisches Forschungsprojekt zum Web 2.0 zu entwickeln.

Aufbau des Seminars Religiöses Lernen im Web 2.0

Methodenworkshops: Anhand der Methoden der Korpuslinguistik, Kritischen Diskursanalyse und Netnographie wurde den Studierenden innerhalb des Lehrprojekts die Möglichkeit eröffnet, Interaktionen im Web 2.0 zum Gegenstand ihres empirischen Projekts zu machen. Während die Methode der Korpuslinguistik bereits für die Religionspädagogik erschlossen wurde, gilt eine gleichwertige Erarbeitung der Diskursanalyse in den theologischen Disziplinen noch weithin als Desiderat. Mit der Netnographie betrat das Lehrprojekt theologisch wie religionspädagogisch gänzlich Neuland.

Nach einem kurzen Einstieg, der anhand von Thesen die wichtigsten Merkmale und Unterschiede der Methoden präsentierte, konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für einen Methodenworkshop entscheiden. In jeweils drei Sitzungen führten diese Workshops von den theoretischen Grundlagen über den ‚methodischen Werkzeugkasten‘ zu den bei der Forschung konkret zu berücksichtigenden Schritten und Kriterien. Die theoretische Erschließung wurde dabei stets durch die praktische Analyse exemplarischer Forschungsgegenstände aus dem Web 2.0 ergänzt. Neben der Erarbeitung der Spezifika der unterschiedlichen Methoden und der Sicherung von wichtigen Begriffen und Prozessen, konnten die Studierenden so auch praktische Erfahrungen im Umgang mit Datenmaterial und Tools (WordSmith, MaxQDA) sammeln.

Projekt- und Präsentationsphase: Die anschließende Projekt- und Präsentationsphase gliederte sich in Projektplanung, Datensammlung, Datenanalyse und abschließende Präsentation. Nachdem den Studierenden schon im Methodenworkshop ein Experimentieren im Feld ermöglicht wurde und diese sich in Gruppen zusammengeschlossen hatten, ging es an die Planung des eigenen Forschungsprojekts. Nach der Klärung des Untersuchungsgegenstands und der Forschungsfrage beschäftigten sie sich mit der Sammlung von Daten, wobei dieser Prozess bis hin zur Datenauswertung durch Rücksprachemöglichkeiten mit der Seminarbetreuung und Peer-Feedback begleitet wurde. Die Rückmeldung anderer Gruppen konnte auch kurz vor Ende der Projektphase anhand der Vorstellung exemplarischer Ergebnisse und Arbeitshypothesen in einer Seminarsitzung eingeholt werden. Die abschließende Präsentation und Diskussion der Forschungsergebnisse erfolgte anhand wissenschaftlicher Poster, die die insgesamt fünf Arbeitsgruppen ausstellten und präsentierten.

Auf den Posterpräsentationen aufbauend, erhielten die Studierenden zum Abschluss des Seminars die Aufgabe, die Ergebnisse Ihrer Gruppe in Form eines Essays je individuell weiterzuentwickeln. Sie konnten sich dabei zwischen zwei Varianten entscheiden: Entweder sollte ein Schritt der Analyse im Detail vorgestellt und auf dessen Bedeutung für das Gesamtergebnis und weitere religionspädagogische Forschung befragt werden, oder aber man entschied sich für die Konzeption einer medienweltorientierten Unterrichtseinheit zum jeweiligen Forschungsgegenstand, in der man das Gruppenergebnis religionsdidaktisch weiterdenkt.

Die ARD-Themenwoche 2017 zum Thema „Woran glaubst du?“ stellte sich als der beliebteste Untersuchungsgegenstand der Studierenden heraus. Darüber hinaus wurden auch Lexikonartikel auf Wikipedia und Kathpedia sowie die kirchliche Nachrichtenplattform katholisch.de untersucht.

Korpuslinguistische Ergebnisse: Markus Bertram, Victoria Eichfelder und Theresa Krieger unterzogen Wikipedia (freie Enzyklopädie) und Kathpedia (katholische Enzyklopädie) einer vergleichenden korpuslinguistischen Analyse. Die Forschungsgruppe wollte herausfinden, ob sich anhand der Sprache, die in Artikeln dieser Plattformen verwendet wird, unterschiedliche religiöse Prägungen nachweisen lassen. Zu diesem Zweck wurden in einem ersten Schritt Artikel mit eindeutigem theologischen oder religiösen Bezug (Art. Bibel, Jesus Christus, Sakrament, …) verglichen. Hierbei wurden nur geringe Unterschiede hinsichtlich des Sprachgebrauchs von Wikipedia und Kathpedia festgestellt. Erst in der fortschreitenden Analyse zeigte sich, dass Wikipedia die inhaltlichen Aussagen durch Wendungen wie „aus christlicher Sicht“ oder „nach katholischer Lehre“ stärker perspektiviert und im Gegensatz zu Kathpedia um die Sichtweisen anderer Konfessionen oder Religionen ergänzt. In einem zweiten Schritt wurden Artikel zu sozialen und politischen Themen (Art. Familie, Homosexualität, Schwangerschaftsabbruch, …) untersucht, zu denen auch religiöse Akteure in den vergangenen Jahren gesellschaftlich immer wieder Stellung bezogen haben. Dabei ließen sich signifikante Unterschiede bezüglich der Sprache beider Enzyklopädien feststellen. Beispielhaft verdeutlichen dies die Artikel zum Thema ‚Schwangerschaftsabbruch‘. Wikipedia etwa, so die Gruppe, operiere mit den Schlüsselwörtern „Frau/Fötus“, „Indikation“ und „Recht“ und stelle so in stärkerem Maße die schwangere Person in den Mittelpunkt der Argumentation. Bei Kathpedia stehen dem hingegen Begriffe wie „Mutter/Kind“, „Folgen“ und „Enzyklika“ gegenüber, die eher den Stellenwert ungeborenen Lebens betonten.

"Das Seminar bot eine völlig neue Art zu arbeiten. Durch die Projektphase konnten eigene Schwerpunkte und Interessen eingebracht werden. Besonders war für mich auch die erste Erstellung eines wissenschaftlichen Posters. Das war toll und eine völlig neue Erfahrung!" (Schriftliches Feedback in der Veranstaltungsevaluation)

Ebenfalls korpuslinguistisch erforschten Sebastian Arend, Dennis Bernecker, Kristin Erford und Elisabeth Landua die ARD-Themenwoche. Tausende von Nutzerinnen und Nutzern ergriffen die Möglichkeit, auf dem Blog der Themenwoche die Titelfrage („Woran glaubst du?“) mit einem freien Text zu beantworten. Die Arbeitsgruppe arbeitete an einem Teil der Beiträge heraus, dass sich die größtenteils mit „Ich glaube“ einsetzenden Antworten anhand des darauffolgenden Wortes kategorisieren lassen. So konnten die Studierenden 98% der untersuchten Beiträge den drei Gruppen „ich glaube an“, „ich glaube, dass“ und „ich glaube nicht“ zuordnen. Die erste Formulierung (75% der Beiträge) wurde dabei mit Abstand am häufigsten genutzt und war stets mit der Benennung eines Objekts verbunden. Diese Objekte der digitalen Glaubensbekenntnisse haben die Studierenden wiederum genauer in den Blick genommen, wobei sie feststellten, dass die Glaubensbekundungen in über einem Drittel der Fälle auf ein personal gedachtes Gegenüber (‚Jesus‘, der ‚liebe Gott‘ …) abzielen. Fast genauso oft beziehe sich der Glaube aber auf abstrakte Theorien oder Werte. Hier spielten unter anderem naturwissenschaftliche Konzepte (Urknall, Evolution) oder gesellschaftliche Normen (Freiheit) eine bedeutende Rolle. Eher selten formulierten die Nutzerinnen und Nutzer der Themenwoche hingegen emotionale (Liebe) oder institutionelle (Kirche) Glaubensbekenntnisse.

Diskursanalytische Ergebnisse: Die Glaubensbekenntnisse im Zuge der Themenwoche waren auch Gegenstand zweier diskursanalytischer Projekte. Die Gruppe von Sophie Landgraf, Lena Müller und Julia Opheys befasste sich mit den Argumentationsstrategien in den Glaubensbekenntnissen einiger User. Sie stellten fest, dass einer großen Zahl von Beiträgen eine Gegenüberstellung von Gesellschaft und Religion zugrundliegt, die in doppelter Hinsicht produktiv gemacht wird: Einerseits werde so eine gesellschaftliche Kritik an Religion ermöglicht, die sich darauf beruft, dass der Glaube mit modernen Grundkonzepten wie der Freiheit oder der Gleichheit aller Menschen nicht zu vereinbaren sei. Andererseits seien religiöse Kritiken der Gesellschaft zu beobachten, die dem Glauben ein transzendierendes Moment gegenüber politischen, ökonomischen oder technologischen Ideologien der Gegenwart zuschreiben. Die beiden Positionen finden den Ergebnissen der Gruppe zufolge in den Blog-Diskussionen kaum zueinander und beziehen sich auf die jeweils andere Position eher in rhetorischer Absicht, denn als validen Standpunkt. Ein Minimalkonsens der Beiträge bestehe lediglich in der Annahme eines optimistischen Menschenbildes, das von der grundsätzlichen Gemeinschaftsfähigkeit und Friedfertigkeit des Menschen ausgehe.

"Mir gefiel die Kombination theologischer und sozialwissenschaftlicher Aspekte. Wir beschäftigen uns mit modernen und realitätsbezogenen Gegenständen des Religionsunterrichts und wendeten aktiv aktuelle Methoden der Sozialforschung an." (Schriftliches Feedback in der Veranstaltungsevaluation)

Agatha Adamus, Sidney Fichtenkamm, Johannes Ludwig und Sonja Ulrich widmeten sich einem Teil der Beiträge zur Themenwoche mit einem Fokus auf die sprachlich-rhetorischen Mittel und inhaltlich-ideologischen Aussagen. Dabei stellten die Studierenden fest, dass die User nahezu bruchlos von einer persönlichen auf eine allgemeine Argumentationsebene wechseln. Den Ausgangspunkt bilde dabei zumeist ein durch Personal- und Possessivpronomen sowie synkretistische Inhalte individuell formuliertes Credo. Dieses persönliche Bekenntnis aber sei aus Sicht der Bekennenden scheinbar einem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. Denn, noch bevor andere Personen in Kommentaren auf den Beitrag reagieren, legitimieren die Verfasserinnen und Verfasser ihr Bekenntnis in Kausal- und Konditionalsätzen unter Berufung auf wissenschaftliche Erkenntnisse einerseits und die eigene Erfahrung andererseits. Sie leiten daraus in einem letzten Argumentationsschritt einen Appell an andere Personen ab, die – würden sie genauso verantwortet mit ihrem Leben und ihrer Religion umgehen – zu einer besseren Gesellschaft beitragen könnten. Aus dem zunächst subjektiv formulierten Glaubensbekenntnis wird so letztlich ein normativer Anspruch abgeleitet.

Netnographische Ergebnisse: Daniel Baldy, Annika Geibel, Jan Frederik Janicka, Sebastian Nofts und Lars Streitz brachten mit ihrer netnographischen Feldstudie eine weitere Forschungsperspektive ein. Mittels teilnehmender Beobachtung untersuchten sie eine Woche lang die Community der Nachrichtenseite katholisch.de auf den Plattformen Facebook und Twitter. Durch eine qualitative Inhaltsanalyse von Posts, Notizen zu Beobachtungen auf den Websites und Interaktionen mit den Usern ging die Gruppe der Frage nach, welche Themen eine besondere Resonanz unter den Abonnentinnen und Abonnenten erfahren. Dabei erwiesen sich zwei Kategorien von Posts als besonders beliebt: Zum einen erhielten Artikel mit theologischem und insbesondere liturgischem Basiswissen viele ‚Likes‘ sowie Lob in den Kommentaren. Viele der User begründeten die positiven Rückmeldungen damit, dass hier schwierige Themen so aufbereitet würden, dass man sie auch Außenstehenden und Kindern gut erklären könne. Zum anderen erregten Posts zu religiös-politischen Gegenwartsthemen eine hohe Aufmerksamkeit. Anders als bei den Artikeln der ersten Kategorie erwiesen sich die Kommentare hier als deutlich ambivalenter. Die Beiträge zu Themen wie Zölibat, Ehe oder Gender würden auf den Plattformen intensiv und teilweise polemisch diskutiert. Dabei beschränke sich der Kreis der Interagierenden nicht auf die Abonnentinnen und Abonnenten, sondern erweitere sich durch deren Kommentare um Personen, die auf die Diskussion aufmerksam wurden und sich an ihr beteiligten.

Mit Abschluss des Projekts stehen Lehrenden wie Studierenden das notwendige Know-How und das Instrumentarium zur Fortsetzung ähnlicher Projekte in den folgenden Semestern zur Verfügung. Es hat sich gelohnt, einen Schritt über die Frage nach dem ‚Lernen im Digitalen Wandel‘ hinauszugehen und anhand der hier vorgestellten empirischen Methoden konkret danach zu fragen, wie User im Netz kommunizieren, interagieren und letztendlich auch lernen.

Das Anliegen des Projekts ist auch für andere Fachbereiche von Interesse, da Forschungsmethoden und Didaktik aus transdisziplinären Diskursen stammen und sie problemlos in Lehrprojekte mit anderen thematischen Schwerpunkten transferierbar sind. Auch der Prozess der Digitalisierung bewegt derzeit nahezu alle Bereiche der Gesellschaft, sodass inhaltlich für eine Vielzahl von wissenschaftlichen Disziplinen Anschlussmöglichkeiten bestehen. Lediglich die Einführungsphase des Seminars muss auf fachspezifische Fragestellungen hin angepasst werden. Für einen thematischen Einstieg bieten sich zahlreiche Möglichkeiten an, wie zum Beispiel eine Diskussion aktueller für Kultur und Gesellschaft relevanter Beispiele oder von Cyberutopien und -dystopien der jeweiligen Wissenschaft.

Geeignete Literatur sollte sich relativ schnell und einfach für eine Vielzahl von Disziplinen finden lassen. Auch der Blick in Nachbarwissenschaften war im Falle dieses Seminars äußerst lohnenswert. Bezüglich der Forschungsgegenstände kann grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass die Studierenden aufgrund der Vielfalt an digitalen Angeboten keine Schwierigkeiten damit haben, einen geeigneten Forschungsgegenstand zu finden. Als Hilfestellung kann die Aufmerksamkeit zum Beispiel auf zuvor von der Lehrperson recherchierte Seiten oder Gruppen in sozialen Netzwerken, wie Facebook, Twitter und Co., Wikis, Blogs, Kommentarspalten auf den unterschiedlichsten Internetseiten oder Online-Zeitungen gerichtet werden.